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Sich fremd fühlen für Anfänger

Der Zug überquert die österreichische Grenze. Ein erhabener Moment. Es passiert – nichts. Die EU hat vieles einfacher, aber auch langweiliger gemacht. Ist man dann angekommen, sieht man sich als Nicht-Einheimischer damit konfrontiert von Einheimischen kategorisiert zu werden: in Touristen und Ausländer, Überbegriff die Fremden, österreichisch liebevoll die Zu(a)gr(o)asten. Was ist der Unterschied? Die Einen bringen ja etwas mit: Geld, Devisen! (Auch das hat die EU einfacher, aber langweiliger gemacht.) Die Anderen nehmen etwas weg: Wohnung, Arbeit, Sicherheit.

Während man meist liebend gern in die eine Kategorie fällt (Ausnahmen soll es geben), sollten Sie die andere besser vermeiden. Fehler Nr. 1: Suchen Sie sich keine Wohnung oder WG-Zimmer. Touristen übernachten in Hotels, Pensionen, Hostels, auf Campingplätzen, in Bed-and-Breakfasts oder surfen auf der Couch. Damit Sie einwandfrei als Tourist durchgehen, immer die Kamera dabei haben! (Vorsicht vor Leuten auf der Suche nach einem Fotoapparat.) Sie kennen sich bereits in der Stadt aus? Zeigen Sie es bloß nicht, studieren Sie ausführlich Ihren Stadtplan. Fehler Nr. 2: Öfter in das selbe Lokal gehen. Das Personal wird Sie zweifelsohne als Fremden identifizieren, wenn Sie nach vier Wochen immer noch da sind. Einziger Hoffnungsschimmer: Sie werden als Langzeittourist angesehen.

Ansonsten sind Sie in guter Gesellschaft. Es sind schon viele Deutsche, Österreicher und Amerikaner da: dm, Müller, Hofer, Spar, Raiffeisen, Sparkasse, Volksbank, Mc Donald’s, Burger King. Fast wie zuhause. Wie soll man sich da fremd fühlen? Was noch bleibt ist die andere Sprache (gilt auch für Wien, Deutschland und die Schweiz), das muss reichen.

Mein Text in der Aula der Uni Wien

(Dieser Text wurde beim Schreibwettbewerb zur Auslandsmesse Uni International der Universität Wien eingereicht.)